Das Sterben ist auch nicht mehr das, was es einmal war

Das Sterben ist auch nicht mehr das, was es einmal war

Mag. Thomas Wienerroither ist Klinischer Psychologe im Salzkammergut Klinikum Vöcklabruck

Die Corona-Pandemie hat vieles in unserem Leben verändert. An vieles haben wir uns mittlerweile gewöhnt, manche Einschnitte schmerzen aber besonders. Die Maßnahmen beschränken uns nicht nur in unserem täglichen Leben, sondern haben auch Auswirkungen auf unsere letzte Lebensphase, das Sterben. Doch was hat sich beim Sterben und bei der Begleitung von Sterbenden in der letzten Zeit verändert?

Ein Krankenhaus ist eine Gesundheitseinrichtung, in der Menschen medizinisch-pflegerisch behandelt und im besten Fall geheilt werden. Doch nicht immer ist Heilung möglich. Mag. Thomas Wienerroither ist Klinischer Psychologe am Salzkammergut Klinikum Vöcklabruck. Er betreut Patientinnen und Patienten, die an einer weit fortgeschrittenen oder unheilbaren Erkrankung leiden, häufig auch Menschen in der letzten Phase ihres Lebens. Die geltenden Rahmenbedingungen haben diesen Moment für die Sterbenden, die Angehörigen und das Klinikpersonal nicht leichter gemacht. Vor allem die Schutzmasken stellen eine vorher nicht gekannte Barriere dar.

Maske reduziert die Möglichkeiten der Kommunikation

„In der Phase des Abschiednehmens ist es wichtig, in kurzer Zeit eine tragfähige und vertrauensvolle Beziehung mit den betroffenen Personen aufzubauen. Wenn man von seinem Gegenüber aber nicht gesehen wird, weil das Gesicht von einer Maske verdeckt wird, ist das nicht so einfach“, erklärt Thomas Wienerroither. 

Aber auch die Kommunikation ist durch das notwendige Tragen der Masken eingeschränkt.

„Eine Kollegin hat einmal zu mir gesagt: ‚Seitdem wir die Maskenpflicht haben, höre ich so schlecht.‘ Und das ist genau der Punkt. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir zum weit überwiegenden Teil nonverbal miteinander kommunizieren. Das heißt, wir achten unbewusst auf die Mimik, wie jemand schaut, ob unsere Gesprächspartnerin bzw. unser Gesprächs-partner den Mund verzieht oder zu einem Lächeln formt. Die Schutzmaske deckt aber bis zu zwei Drittel unseres Gesichts ab. Das reduziert die Möglichkeit, Botschaften zu senden und Reaktionen zu erkennen, massiv“, so Wienerroither.

Ohne Worte: Auch Körpersprache ist Sprache

Die wahrnehmbare körperliche Interaktion beschränkt sich nicht nur auf die Mimik alleine. Auch das Fehlen alltäglicher körperlicher Gesten und Kontaktaufnahmen, wie beispielsweise ein Händedruck zur Begrüßung oder Verabschiedung, erweist sich in der psychologischen Arbeit als erschwerend, weil damit einerseits viel an Information über den Menschen verloren geht, andererseits die Möglichkeiten, Menschen in besonders belastenden Situationen Halt zu geben, reduziert sind. Die geltenden Zugangsbeschränkungen in den Spitälern limitieren die Kontakte zusätzlich stark.

Darüber spricht man nicht

Das Sterben hat sich nicht erst mit oder seit Corona verändert.

„Tod und Sterben sind in unserer modernen digitalisierten Welt die meisttabuisierten Themen, genauso wie die Trauer. Während man seine Trauer vor 40, 50 Jahren noch öffentlich zeigen durfte, zum Beispiel in Form von Ritualen wie dem Tragen einer Trauerschleife, ist diese Trauer mittlerweile aus der Öffentlichkeit verbannt worden. Leid und Schmerz wird heute kein Raum mehr gegeben, diese Themen werden wegrationalisiert und institutionalisiert. Wenn man Menschen fragt, wo sie sterben möchten, sagen drei Viertel zu Hause, wir wissen aber, dass rund drei Viertel in Institutionen sterben“, sagt Thomas Wienerroither.

Manchmal darf’s auch ein Witz sein

Durch das Verdrängen wird der Umgang mit dem Sterben und den Sterbenden für alle zusehends schwieriger, und kaum jemand weiß, wie man sich in einer solchen Situation richtig verhält.

Der Experte hat dafür einen einfachen Verhaltenskodex parat: „Am Ende des Lebens, wenn die Autonomie verloren geht und man auf fremde Hilfe angewiesen ist, ist es umso wichtiger, dass jede und jeder Sterbende trotz der Not ein Recht auf Normalität und auf würdevolle Rahmenbedingungen hat. In einer solchen Situation geht es nicht darum, dass etwas gut wird, sondern dass etwas besser aushaltbar wird. Mit Trauermienen ist da niemandem geholfen. Und manchmal, sofern es die Situation erlaubt, darf auch über einen Witz oder eine lustige Alltagssituation gelacht werden, um das Leid zu lindern.“

Quelle: Wolfgang Baihuber PR & Kommunikation, SK Bad Ischl. Gmunden. Vöcklabruck  //  Fotocredit: OÖG

 


 

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